Ich habe mein iPhone in die dreckigen Gewässer des Tietê geworfen (Traduziram um conto meu pro alemão)

Author: Fred Di Giacomo/ Translation: Patricia Sojka

(Note for Brazilian readers/Nota para os leitores brasileiros: no final de 2014, a tradutora brasileira radicada na Alemanha Patricia Sojka descobriu meu conto “Joguei meu iPhone nas águas sujas do Tietê” (que já foi publicado aqui no Glück) e me pediu para traduzi-lo para o alemão. Achei que tinha tudo a ver com o Glück, este projeto que falou bastante da minha temporada em Berlim. Ela me mandou o trabalho pronto em 2015, mas acabei só publicando ele aqui hoje. Fico muito feliz te ter dois textos traduzidos, dá muito orgulho. (O outro pode ser lido, em inglês, aqui.) Vale lembrar que este conto aqui faz parte do livro “Canções para ninar adultos”, lançado pela Editora Patuá, em 2012.  Vamos lá:)

Ich habe mein iPhone in die dreckigen Gewässer des Tietê geworfen
Ich habe mein iPhone in die dreckigen Gewässer des Tietêi geworfen. Das musste getan werden. Das musste ich tun.

***

Warst du glücklich?
— Wie meinst du das, Alex? Komische Frage…
— Nein, Opa, ich wollte wissen, ob du wirklich glücklich warst. Ob dein Leben sich gelohnt hat.

Mein Opa war ein Selfmademan. Ich war eine Pfeife. Er hatte den Sertãoii von Ceará verlassen, als Pförtner, Bauer und Schuhputzer gearbeitet, Ingenieurwissenschaften studiert, eine staatliche Stelle bekommen, Geld verdient, die Kinder großgezogen, zwei Wohnungen (eine am Strand, natürlich) und ein Dutzend Autos gekauft und alle Rechnungen der Familienmittagessen bezahlt. A-L-L-E. Denn mein Vater hatte keine Kohle. Er hatte einen Abschluss in Sozialwissenschaften und arbeitete in einer NGO. Und das war der große Familienkampf seitdem ich denken kann. Mein Opa war ein Niemand, der es geschafft hatte und Geld verdient hat. Mein Vater war ein Typ, der Geld verloren hat. Um glücklich zu sein. Aber jetzt ist er enttäuscht. Es ist nicht einfach, mit Straßenkindern zu arbeiten. Ich weiß es, ich habe ihn mein Leben lang vollkommen platt nach Hause kommen sehen, wie er Schulden machte, seine Kreditkarte überzog – und das machte er oft, um jemandem zu helfen, der nicht wollte, dass man ihm hilft. Die Geschichten waren traurig:

Diese Woche hat die ROTAiii wieder etwas angerichtet.
— Rodrigo, musst du über solche Dinge am Tisch reden? – Meine Mutter war der Meinung, dass man beim Essen nicht über Tratsch, Krankheiten oder Tragödien sprechen sollte. Sie war eine weise Frau.
— Es war eine grundlose Hinrichtung. Sie haben sechs Kinder erwischt, im Zentrum. Die sechs schnüffelten an Kleber, Benzin, irgendeiner dieser Chemikalien. Die Polizisten haben sie dazu gezwungen, alles zu trinken. Und danach haben sie gewartet bis sie um sich schlugen. Einer hat länger gebraucht, um abzukratzen. Da haben sie ihn ins Auto geschleppt und haben ein paar Runden gedreht, bis er irgendwann starb. Die Händler in der Gegend fanden das richtig. Es war sogar der Witz des Tages.

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Zurück zum sonntäglichen Mittagessen bei meiner Oma. Nudeln, Hühnchen, Coca-Cola und Doce de Leite.

Das Leben war gut zu mir, Alex. Ich habe Auto und Haus gekauft, und wenn ich das alles nicht getan hätte, würde ich heute nicht deinem Vater helfen können.
— Ich weiß, dass du erfolgreich warst, Opa. Ich wollte aber wissen, ob du glücklich warst. Hast du gemacht, was du vom Leben wolltest? Hmm… Nicht „vom Leben“. Hast du gemacht, was du „im Leben“ wolltest?
— Wenn wir das machen, was wir uns vom Leben wünschen, dann verhungern wir, mein Junge. Guck dir deinen Vater an… Ich habe gesagt, er soll Ingenieurwissenschaften studieren. Ich wusste, dass niemand von Sozialwissenschaften leben kann. Das ist ein Hobby für die Reichen. Aber er wollte ja nicht auf mich hören und jetzt ist es wie es ist…

Hätte ich meinen Vater in Schutz nehmen sollen? Ich weiß nicht, ich glaube, das sollte heißen, dass mein Opa nicht glücklich war. Ich war nicht glücklich. Ich hatte glückliche Momente. Ich habe mal in einem Interview der Zeitschrift Trip gelesen, dass Glücksgefühle eine Verzerrung des Humors sind, genauso wie Traurigkeit. Das Beste sei, gelassen zu sein. Ich finde es gut, gelassen, ruhig zu sein. Aber ich bin lieber glücklich. Oder möchte es zumindest versuchen.

Alle meine Freunde versuchten glücklich zu sein. Aber dem kamen wir am nächsten, wenn wir betrunken waren. Deswegen mochten alle – die Brüder und die Hipster – die neue Musik von Criolo. Darin hieß es: „Die Kneipen sind voll mit leeren Seelen“, und auch, dass es keine Liebe in São Paulo gäbeiv. Ich hatte mal einen Vers geschrieben: “São Paulo, ich möchte dich umarmen”. São Paulo ist für mich die unglaublichste und traurigste Stadt der Welt. Sie ist wie eine zahnlose Muse. Eine Prostituierte, in die sich der Kunde verliebt und doch unbedingt aus seinem Leben wegschaffen möchte. Traurige Frauen gefielen mir schon immer. Traurige und verrückte Frauen. Ich wollte auf sie aufpassen, und dass sie auf mich aufpassten.

Ich habe es verstanden, Opa. Ich finde das, was du gemacht hast, war sehr wichtig. Deine Geschichte ist schön, aber… Ich habe über mein Leben nachgedacht…
— Denk nicht nach, Junge. Vom Denken wurde noch niemand satt.
— Alex, hör auf, dir so viele Sorgen zu machen und iss mehr. Ich habe noch nie solch einen dünnen Enkel gesehen … Du weißt, dass dich die Oma liebt, nicht wahr, mein Junge?

Meine Oma schien glücklich zu sein. Bis sich die ersten Symptome von Alzheimer bemerkbar machten. Dadurch zeigte sich eine grausamere Seite von ihr. Eine unheimliche Wut auf meinen Opa, der sie nie wirklich beachtet hatte, nie zuhause gewesen war, nie Zeit für den Sohn gehabt hatte. Aber er hatte Zeit gehabt, eine Geliebte zu finden, klar… Und sie war trotzdem immer an seiner Seite, so treu und so korrekt…

Und mein Vater? War er glücklich? Ich weiß es nicht, und traue mich nicht, den Alten zu fragen. Ich weiß nur, dass er ein Idealist war, und jetzt jammert er, zum Beispiel, weil er auf Kabelfernsehen verzichten musste. Werden alle gute Klamotten kaufen wollen, wenn sie alt sind? Ich habe keine Ahnung; das ist es nicht, was mich umtreibt. Ein Arbeitskollege würde sehr gerne einen Film drehen, hat aber Angst. Eine andere wollte ein halbes Jahr auf Weltreise gehen, aber auch sie hat Angst. Viele wissen nicht, was sie wollen, glauben aber, dass sie es schaffen werden. Mir fehlt es, etwas Bedeutendes zu tun. Was kann ich tun, um die Welt zu verbessern, ohne dafür ein gottverdammter Politiker oder ein messianischer Prediger werden zu müssen? Manchmal scheint es mir, die einzige Möglichkeit gut zu leben, ist in einer Werbung für Seife oder Margarine.

In diesen Werbungen sind die Menschen immer glücklich.

 

Ich habe mein iPhone in die dreckigen Gewässer des Tietê geworfen

Ich habe mein iPhone in die dreckigen Gewässer des Tietê geworfen

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Alex, das ist sehr anstrengend.
— Warum, Sabrina?
— Weil es sehr hart ist, sehr dreckig. Poesie ist zu billig.
— Ha, ha, ha. Das stimmt. Niemand liest Poesie.
— Was liest man dann, Jeferson?
— Na, Kurzgeschichten. Keine Ahnung, lustigere Sachen.
— Ja, Alex, da hat Jeferson recht. Die Waffe unserer Generation ist der Humor. Die Revolution kommt durch Meme und Tumblrs.
— Wenn du es dir mal anguckst, Alex, heutzutage sind es die Blogger, die die Welt beherrschen. Es gibt keine Globo oder Abril mehr…v
— Scheiße, das Internet hat alles verändert.

(Hat es?)

Keine Ahnung, ihr habt vermutlich Recht. Ich glaube, ich bin betrunken.

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Eine überhaupt nicht aufregende Zusammenfassung des Lebens dieses Autors soweit: Er ist arm geboren. Naja, nicht arm. Untere Mittelschicht. Er hat viel studiert. Hat einen guten Abschluss gemacht. Hat angefangen zu arbeiten. Hat Geld verdient. Ist ein paar Treppen im Leben aufgestiegen. Auf der Arbeit macht er etwas für ihn sinnloses. Aber er kann davon iPhone, Europareise, selbstgebrautes Bier, coole Partys bezahlen. In Europa hat er ein Graffiti auf irgendeinem Klo gelesen: „Capitalism is dead, sent from my iPhone”.

Er hat sich auch wie ein Rebell mit iPhone gefühlt.

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Ich weiß nicht, wo ich hingehe, aber ich habe heute gekündigt. Meine Chefin hat mich unreif genannt. Sie sagte, dass die Generation Y nichts aushält. Dass ich etwas machte, das nur verwöhnte Reiche sich leisten können. Dass Brasilien so auf keinen Fall weiterkäme. Ich habe sie angelächelt. Ich wusste nicht warum, aber ich fühlte mich unglaublich gut und leicht.

So wie ich mich nicht mehr fühlte seit dem Tag, an dem ich bei diesem multinationalen Unternehmen ein Namensschild machen ließ.

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Ich habe mein iPhone in die dreckigen Gewässer des Tietê geworfen. Das musste getan werden. Das musste ich tun.

 Soundtrack to your reading:

i Fluss in São Paulo.

ii Halbwüstenartige Landschaft im Nordosten Brasiliens.

iii Rondas Ostensivas Tobias de Aguiar, kurz ROTA, ist ein Polizeibataillon der Polícia Militar im brasilianischen Bundesstaat São Paulo.

iv In Anlehnung auf das Lied „Não existe amor em SP“ (Es gibt keine Liebe in São Paulo); Anm.d.Ü.

v Globo und Abril sind zwei große brasilianische Medienunternehmen.

Fred Di Giacomo is a Brazilian writer, multimedia artist, musician, and ‘newsgame’ pioneer. He is the author of books like “Canções para ninar adultos” and “Haicais Animais“; games like Filosofighters and Science Kombat and songs from Banda de Bolso. Learn more about his works here.

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